Gedanken eines Bogenjägers

Die Ansitzjagd

Neulich las ich in einem Jagdmagazin einen Beitrag über die Ansitzjagd, welcher diese Jagdart kritisch hinsichtlich des erzeugten Jagddrucks darstellte. Leider liest man bei uns wenig über Jagdstrategien und Verhaltensweisen, die dem Jäger helfen, auch die Ansitzjagd weiter zu perfektionieren. Ich gebe zu, die „stille“ Ansitzjagd ziehe ich mit Abstand allen anderen Jagdarten vor. Nicht nur, weil diese Jagdart die am häufigsten praktizierte und erfolgsversprechendste Jagdmethode bei der Bogenjagd ist. Nein, auch mit der Büchse bevorzuge ich die leise und beobachtende Rolle des Ansitzjägers. Die eher lauten Gesellschaftsjagden sind nicht so mein Ding. Es verwundert mich, dass trotz des Fortschritts in der Waffentechnik und Optik die Ansitzjagd einen schlechteren Ruf als in der Vergangenheit hat. Ich glaube, dass wir Jäger mit der Zeit einiges an jagdlichem Wissen und Instinkten verloren haben, auch bedingt durch Zeitmangel in der hektischen modernen Welt. Durch unsere weitreichenden Feuerwaffen kann man als guter Schütze schon als Jungjäger in Revieren relativ schnell reichlich Beute machen. Das kann dazu verleiten, sehr bald zu glauben, bereits ein „guter“ Jäger zu sein. Eine Einstellung, die dem erforderlichen Lernen im Revier abträglich sein dürfte. Die Bogenjagd bietet einen guten Lernanreiz, da diese Kurzdistanz-Jagdart den Jäger geradezu dazu zwingt, sich mit Jagdstrategien, Reviergegebenheiten und Wildverhaltensweisen zu beschäftigen. Stellt sich ein Bogenjäger nicht ernsthaft dieser Aufgabe, wird im wenig bis gar kein jagdlicher Erfolg beschieden sein. Dabei sind nicht alle drei Verteidigungsstrategien des Wildes für den Ansitzjäger gleich kritisch zu beachten.

Der Hörsinn ist noch am wenigsten problematisch einzustufen. Wild vernimmt in der Regel sehr gut, aber außerhalb von 50 Metern muss sich der Ansitzjäger schon ungeschickt verhalten, wenn seine Geräusche Wild wiederholt vergrämen. Der Bogenjä- ger hat es hier schwerer, innerhalb von 30 Metern darf man sich in dieser Hinsicht weniger Fehler leisten. Mit leiser Bekleidung und umsichtigen Verhalten ist das aber beherrschbar.

Der Sichtsinn des Wildes ist sehr gut, bei manchen Wildarten extrem gut ausgebildet. Dabei ist es vorrangig das Bewegungssehvermögen, das den Jäger verrät. Die Bewegungen am Ansitz haben schon viel Wild „gerettet“, insbesondere auf Bogenjagd- distanzen. Aber es ist vor allem das Aufsuchen und das Verlassen des Ansitzplatzes, welches den Jagddruck durch die Ansitzjagd stark beeinflusst. Ich habe das Gefühl, dass viele Jäger das Sehvermögen unseres Schalenwildes stark unterschätzen. Selbst Rehe eräugen Bewegungen des Jägers beim aufrechten Gehen auf enorme Distanzen. Man kann sich nur vage vorstellen, was Rotwild in dieser Hinsicht zu leisten vermag. Es verwundert umso mehr, dass diesem Thema wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wenn ich erzähle, dass ich in meinem Rehwildrevier mit Waldgamsvorkommen einige Kilometer Pirschwege erhalte, ernte ich oft nur verdutzte Blicke. Dabei ist es für den Ansitzjäger von enormer Bedeutung, dass das Wild den Jäger möglichst überhaupt nicht in das Sichtfeld bekommt.

Ohne strategisch angelegte Pirschpfade geht das nicht. Amerikanische Bogenjäger widmen diesem Thema sehr große Aufmerksamkeit, ebenso wie etliche Fachbücher. Dabei hat der Bogenjäger den großen Vorteil, dass er seine mobile Ansitzeinrichtung flexibel umstellen kann. Verwendet man permanente Ansitzeinrichtungen, wie bei uns üblich, ist es umso wichtiger, dass das Wild Jäger und Ansitzeinrichtung nicht schnell in Verbindung bringt. Bäche und Flussverläufe, Drainagen, ausgetrocknete Flussbette, Hecken, Waldränder und viele Geländekanten und Gegebenheiten bieten sich ausgezeichnet an, um strategische Pirschwege anzulegen. Schatten und Deckung sind die besten Freunde des Jägers. Es lohnt sich, diese Reviergegebenheiten auf topographischen Karten und Luftbildaufnahmen zu studieren. Der Blick von oben öffnet in diesem Zusammenhang die Augen.

Was aber den größten Einfluss auf den Jagddruck hat, ist die hinterlassene menschliche Witterung. Je nach Vorhandensein anderer Naturnutzer im Revier kann das eine mehr oder weniger gravierende Rolle spielen. Jeder Jäger sollte sich der Windge- gebenheiten zu jeder Zeit bewusst sein. Unser Schalenwild mag einmal ein Geräusch tolerieren oder eine Bewegung als nichts Bedrohliches wahrnehmen, wenn der Jäger sofort nach der Störung leise und unbeweglich verharrt. Aber hat das Wild einmal eine Prise des Jägers im Windfang, gibt es kein Halten und Zögern. DER BOGENJÄGER hat die menschliche Witterung schon öfters behandelt und wird es noch tun, zu wichtig erscheint uns dieses Thema. Vor einigen Jahren ist bei uns im Revier unverhofft Schwarzwild aufgetaucht. Ein Jäger, der gerne das Wort schwingt, hat daraufhin eine halb offene Jagdkanzel mit Teppichresten tapeziert. Als ich ihn danach befragte, meinte er, damit das Wild die Witterung nicht so leicht wahrnehmen kann. Solange Jäger den Geruchssinn unseres Schalenwildes so brutal unterschätzen, wird es unser Wild leicht haben, uns zu umgehen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ansitzjagd hinsichtlich des erzeugten Jagddruckes in erster Linie vom Verhalten des Jägers abhängt. Gut geführte Reviere in denen Berufsjäger den größten Teil des Abschusses im Rahmen der Einzeljagd erledigen, sind gute positive Beispiele, wie man es richtig macht. Auch die oft überzogenen Selektionsanforderungen bei der Einzeljagd sind hinderlich. Der Ansitzjäger sollte am besten jedes Reh vor dem Schuss auf die Waage stellen, damit es ja nicht 1 kg zu viel Körpergewicht hat. Bei Bewegungsjagden wird dann auf alles, was anwechselt, „Dampf gemacht“. Und dann ist da noch die Sache mit dem Jagddruck aus Sicht des Wildtieres (nicht des Menschen) – man tut heute schon manchmal so, als ob Stress durch Jagd für Wild absolut unerträglich sei. Aber in jedem naturbelassenen Revier ist Jagddruck durch Prädatoren allgegenwärtig, unabhängig von Jahres- und Schonzeiten. Wildtiere wissen, wie man damit umgeht und der Jagddruck hat erst ermöglicht, dass sie sich im Laufe der Evolution so ausgezeichnet entwickelt haben. Ihr Bogenjäger